Nachdem ich in Masaya das lokale Kunsthandwerk bestaunt und ein paar Kleinigkeiten auf dem beruehmten Markt gekauft habe, bin ich jetzt in der alten Hauptstadt Leon. Hier schlaegt das kulturelle Herz des Landes. Beruehmt ist die Stadt fuer die erste Universitaet des Landes, das studentische Leben, den Dichter Ruben Dario und fuer die zweitgroesste Kathedrale in ganz Lateinamerika.

Und natuerlich nicht zu vergessen, die unzaehligen Vulkane in der naeheren Umgebung. Es sollen 21 sein, von denen auch noch ein paar aktiv sind. Aber nach meiner Vulkanbesteigung in Ometepe hat es sich erst mal ausvulkanisiert. Es gibt auch so genug zu entdecken hier. Denn Leon ist fuer die Geschichte Nicaraguas und Zentralamerikas eine bedeutende Stadt. Nach der Unabhaenigkeit von den Spaniern war Leon die erste Hauptstadt fuer ganz Zentralamerika und spaeter war es dann auch die Hauptstadt Nicaraguas. Doch da Granada die ganze Seit etwas dagegen hatte und sogar Kriege mit Leon um die Vormachtstellung fuehrte, einigte man sich Mitte des 19. Jahrhunderts darauf, dass das kleine Doerfchen Managua die neue Hauptstadt wird. Ein Kompromiss fuer die verfeindeten Staedte.
Gestern erkundete ich auf einer gefuehrten Tour die geschichtlichen und revolutionaere Bedeutung der Stadt. An dieser Stelle sollte ich mal ein paar Worte ueber die Geschichte Nicaraguas loswerden. Ich verspreche, es wird nicht langweilig:
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die USA aktiv ihre Finger im politischen Spiel Nicaraguas. Sie schickten sogar Marines um den ihnen wohlgesinnten Praesidenten entweder an der Macht zu halten oder ihm dazu zu verhelfen. Nicaragua war bis in die 30er Jahre nichts als eine amerikanische Bananenrepublik. In dieser Zeit kaempfte ein gewisser Augusto Cesar Sandino gegen die amerikanische Okkupation und fuer ein freies Nicaragua.

Nachdem die Marines 1933 das Land verlassen hatten, erklaerte er sich zu Friedensgespraechen mit den anderem Parteien bereit. Nach einem dieser Treffen wurde er ermordet. Der Befehl kam von General Anastazio Somoza, dem Chef der Nationalgarde, sprich der Armee. Nach einem quasi Staatsstreich uebernahm Somoza ab 1936 die Macht und seine Familie sollte sie bis 1979 auch nicht wieder hergeben. Seine beiden Soehne folgten ihm im Amt und die Somoza-Diktatur wurde zur laengsten Familiendiktatur in Lateinamerika.

In dieser Zeit ging es Nicaragua zwar wirtschaftlich relativ gut, aber Korruption und Menschenrechtsverstoesse gehoerten zur Tagesordnung. Hier in Leon besuchten wir auf unserer Tour eine alte Festung, die unter Somoza als Gefaengnis fuer politische Gegner diente. Unser Guide erzaehlte uns von der Willkuer der Verhaftungen und der Willkuer der Wachen. Die Wachen machten es sich zum Spiel die Gefangenen auf brutalste Art zu foltern oder zu toeten. Die Machete war nur eines der Todeswerkzeuge. Ein anderes war ein Knopf mit einer Schnur dran. Diesen mussten die Gefangenen schlucken bis der Knopf wirklich im Bauch war. Die Wachen hatten das andere Ende der Schnur noch in der Hand und zogen es mit aller Gewalt heraus. Den Rest kann man sich ja denken. Die Brutalitaet der somozistischen Nationalgarde war beruechtigt.

Der Widerstand gegen die Diktatur bildete sich zwar schon in den 30 er und 40er Jahren aber so richtig aktiv wurde er erst in den 60er Jahren. In diese Zeit geht auch die Gruendung der Frente Sandinista de Liberacion Nacional (FSLN) zurueck. Sie hoben Sandino als ihr Idol heraus. Auch in der Bevoelkerung machte sich so langsam aber sicher Widerstand bemerkbar. Vor allem nachdem die Nationalgarde bei Demonstrationen immer wieder unschuldige Zivilisten toetete. Nach dem Erdbeben in Managua 1972 wurde allen klar, wie korrupt und willkuerlich das Somoza-Regime wirklich war. Denn den Grossteil der internationalen Hilfsgelder steckte die Somoza-Familie in die eigene Tasche. Tausende Menschen starben erst nach dem Erdbeben da es quasi keine Versorgung gab.
Es dauerte aber noch ein paar Jahre bis das ganze Land rebellierte. Der Ausloeser war 1978 die Ermordung des beliebten Zeitungsherausgebers und einer der wenigen kritischen Stimmen, Pedro Joaquin Chamorro. Sein Tod loeste Massendemonstrationen aus. Die Sandinisten nahmen die Gelegenheit wahr und starteten ihre Angriffe. Es dauerte aber noch bis Juli 1979 bis die Diktatur in ihre Einzelteile zusammenbrach. Die Revolution hatte gesiegt.


Die 80er Jahre sollten aber keine ruhige Dekade fuer Nicaragua werden. Daran sind vor allem die USA Schuld. Der grosse Adler im Norden konnte es natuerlich nicht zulassen, dass in seinem Vorgarten eine linke Regierung an die Macht kam. Der Kalte Krieg war ja immernoch im vollem Gange. Wenn auch die Sandinisten nie wirklich Kommunisten waren. Es war aber nicht gerade hilfreich, dass sie die wichtigen Firmen verstaatlichten. Der Hardliner Reagan sah sich gezwungen zu reagieren, also fing er seinen eigenen kleinen Krieg an. Mit der Hilfe von ehemaligen Nationalgardisten, Soeldnern, der CIA und auch regulaeren amerikanischen Truppen wurde bis Mitte der 80er Jahre ein blutiger Krieg gefuehrt. Mit der Zeit wurde der Protest sowohl international als auch national in Amerika immer lauter und Reagan musste sich offiziell zurueckziehen. Inoffiziell ging der Kampf aber weiter. Die CIA war ein Hauptbestandteil davon und auch die illegalen Waffengeschaefte mit dem Iran finanzierten die Contras in Nicaragua. Stichwort Iran-Contra-Affaere.
Man muss sich nur mal die Perversitaet dieser Verflechtungen vor Augen halten: Die USA unterstuetzten Saddam Hussein und den Irak im Krieg gegen den Iran und gleichzeitig verkauften sie den Ayatollahs in Teheran amerikanische Waffen, um ihren kleinen geheimen Krieg in Nicaragua zu finanzieren. Andere Gelder kamen zudem aus Geschaeften mit den kolumbianischen Drogenkartellen. Dieser geheime Krieg kostete ueber 30 000 Menschen das Leben und warf Nicaragua um Jahrzehnte zurueck. Das einst reiche Nicaragua war zum Armenhaus Lateinamerikas geworden.
Der Krieg endete 1989 mit einem Waffenstillstand und nachdem die Sandinisten die Wahlen 1990 verloren, raeumten sie das Feld. Aber nicht ohne sich nochmal fleissig an Staatsgeldern zu bedienen. Wie dem auch sei, bis 2006 wechselte sich eine liberal-konservative Regierung nacheinander ab und machte das Land offen fuer saemtliche neo-liberale Experimente. Quasi alles wurde privatisiert. Geholfen hat es nicht. Es ging nur noch weitet bergab.
Seit Januar 2007 ist wieder Daniel Ortega Praesident. Er war dies schon in den 80er Jahren. Jedoch sind die Sandinisten nur noch ein Schatten ihrer selbst. Zerstritten und von Korruption durchzogen koennen sie sich nur Erfolge im Gesundheitsbereich und im Bildungssystem auf die eigene Kappe schreiben. Vielmehr versucht Ortega weiter an der Macht zu bleiben (obwohl die Verfassung das verbietet) und einen quasi Sandinisten-Staat zu errichten. Ein Beispiel: Manche der sozialen Hilfen kann man nur erhalten, wenn man Mitglied in der Partei ist. Ausserdem benutzt er staatliches Geld fuer Parteizwecke. Er trennt Partei und Regierung nicht. Zudem durchzieht Korruption das ganze System. Und genau wie Chavez und andere lateinamerikanische Praesidenten (Uribe (Kolumbien), Correa (Ecuador)) versucht er die Verfassung zu aendern, damit er sich wieder fue reine Wiederwajl stellen kann. Die Wahlen sind zwar erst 2011, aber ueberall im Land und ich meine ueberall sieht man FSLN-Schriftzuege oder “Daniel 2011”. Das ganze Land ist in schwarz-rot getuencht. Da wird sich wohl so mancher Auslaender fragen: “Daniel, wer ist eigentlich Daniel?”

So das war jetzt mal ein kleiner Crash-Kurs in nicaraguanischer Geschichte. Langweilig ist sie auf jeden Fall nicht. Und Leon, wo ich gerade bin, ist quasi eines der geschichtlichen Zentren des Landes.